Auf einer kaum lesbaren Tafel eines Dorfmuseums im Himalayagebirge liest sich folgende Geschichte: βVom 18. bis in das spΓ€te 19 Jahrhundert wurde anlΓ€sslich des Jahreswechsels, und dem damit verbundenen heiligen Schlaf der GΓΆtter, der Wettkampf um das Bezwingen des Berges-Kailast ausgerufen. Teilweise stiegen mehrere Reisende in einen Ballon. Die immer duΜnner werdende Luft und der oft maΓlose Umgang mit Helium lieΓen die Reisenden erst das GepΓ€ck, dann die rangniederen Mitreisenden abwerfen, bis auch die letzte reisende Person oft selbst kurz vor dem Gipfel sich in den Nebel stuΜrzen musste und ihren siegenden Ballon noch im Fallen am Gipfel des Berges sich vernichten sah. Eine Siegesurkunde aber konnte wΓ€hrend des gesamten Zeitraums der heiligen Spiele niemand lebend entgegennehmen. Trotzdem versuchten es die Γberlebenden schon im nΓ€chsten Jahr erneut.β Die Originalurkunden mussten wegen GotteslΓ€sterung verbrannt werden. Einige wenige finden sich noch als Faksimile in dem Museum ausgestellt. Einen heiligen Schlaf hat es offiziell seit dem 20. Jahrhundert nicht mehr gegeben.
βVerborgen vor dem alltΓ€glichen Treiben, wurden die dem Heiligen geweihten Teile in hΓΆlzernen BehΓ€ltnissen verwahrt. Haare, FingernΓ€gel und andere abgestorbene KΓΆrperteile werden an den Rand einer Phratrie in den Boden eingelassen und mit einer aufliegenden Feuerstelle markiert. Das Feuer wacht hier uΜber die kommenden GΓΆtter. Laut Γberlieferung verwirklicht sich eine solche Geburt der GΓΆtter, eine solche Verwandlung des Toten in das Heilige unter dem Boden und am Rande der Gemeinschaft, nach zehn langen Jahren. Wie aber das zum Leben erwecken, das tot ist? Mit einem Tanz, sagt die Γberlieferung, einem Tanz, in dem sich die Kannibalen der gleichen Phratrie den Feuerstellen immer wieder nΓ€hern, die Bewegungen des FΓΆtus in einer GebΓ€rmutter nachahmen und damit das Tote nach und nach zum gΓΆttlichen Leben erwecken. Mit dem Ende des Tanzes und dem ErlΓΆschen des Feuers kommen dann die neugeborenen GΓΆtter zuruΜck in die Gemeinschaft.β Diese und andere Rituale hatten die Kannibalen fuΜr Jahrhunderte in die Geschichtsschreibung lanciert. Heute, nach dem Erlangen ihrer SouverΓ€nitΓ€t, wissen wir zwar, dass sich diese Geschichten mit dem decken, was wir damals etwa als ein auΓenpolitisches ManΓΆver gekannt oder in anderen Formen ein defensives WettruΜsten genannt haben, aber trotzdem sitzen sie noch heute im Vierer in der S-Bahn meist alleine.
In seiner ersten institutionellen Einzelausstellung entwickelt Zambrano fΓΌr das Kunsthaus Hamburg eine prozessbasierte, ephemere Installation.Β Von der Decke hΓ€ngend und auf dem Boden verteilt inszeniert er Objekte, die an seltene Naturalien, wissenschaftliche Instrumente und ethnologische FundstΓΌcke aus fremden Welten erinnern. Organische, amorphe und natΓΌrliche Formen bewohnen die Ausstellungshalle, die nun als Teil des Szenarios zu einer Art Experimentierfeld umfunktioniert wurde. Technische Apparaturen ergΓ€nzen das eigenwillige Sammelsurium von unterschiedlichen Spezies, die sich in Zeit und Raum auf einem evolutionΓ€ren Grat zwischen Imitation, Tarnung und Mutation bewegen.
Durch zahllose kleine pyrotechnische ZΓΌndungen fallen die an der Decke hΓ€ngenden Objekte im Laufe der Ausstellungsdauer unvorhersehbar, wie zufΓ€llig herab. Prozesshaft Γ€ndert sich ihr Platz und durch den Aufprall am Boden teilweise auch ihr morbider Zustand. Es ist, als ob sie sich zu ihrem eigenen Schutz dem Lebensraum anpassen. So findet der Besucher eine sich verΓ€ndernde, Umgebung vor und begibt sich auf eigene Gefahr in einen Mesokosmos, eine kΓΌnstlich geschaffene Umwelt, in der er durch prΓ€zise Beobachtung die kleinteiligen Objekte untersuchen kann. Er selbst vervollstΓ€ndigt Fauna und Flora als Protagonist. Als Mitspieler auf der Expedition durch den Raum entfaltet sich der spielerische Ansatz des KΓΌnstlers, auf den der Ausstellungstitel Special Effeggs anspielt. Humorvoll fΓΌhrt uns der KΓΌnstler in die Irre, denn auf den ersten Blick lΓ€sst uns die Hochglanzoptik der Objekte auf industrielle Fertigung schlieΓen. Bei genauer Betrachtung erkennt man AlltagsgegenstΓ€nde, wie die unzΓ€hligen Eierkartons, die per Hand durch das Verschachteln zu neuen Gebilden, wie Fossilien oder Waben, zusammengesetzt sind. Mit Zahnseidesticks ausgestattet, lΓΆsen diese wiederum durch ihre krallenartige Form weitere Assoziationsketten zu Reptilien, VΓΆgeln und Amphibien aus. So erinnern sie an die VerΓ€nderlichkeit von Arten, die immer wieder neue Entwicklungslinien hervorbringen kΓΆnnen.
Die stilisierten, teilweise ΓΌbertrieben exotisch wirkenden Skulpturen sind in einer RΓ€tselhaftigkeit verhaftet und muten wie BeweisstΓΌcke aus vergangenen Epochen an. Improvisiert ist ebenfalls die glatte, glΓ€nzende OberflΓ€che, die an Keramikglasur erinnert, hier aber u.a. aus sΓΌΓem Karamellguss besteht. Ein breites Spektrum an natΓΌrlichen Stoffen, Found Footage, elektrischen Transformatoren und industriellen Γberresten sind wie in einem KuriositΓ€tenkabinett miteinander verwoben. In Zambranos Installation vermischt sich ironisch das Vokabular des zeitgenΓΆssischen, kΓΌnstlich produzierten Warenfetischismus mit dem naturkundlichen Anschauungsobjekt. Das Massenprodukt des globalen Alltags wird dechiffriert und zu paradoxen Symbiosen neu zusammengesetzt. Durch die Kontextverschiebung hinterfragt Zambrano unsere Konsum- und Unterhaltungskultur und somit auch das westliche Wertesystem. Gleichzeitig Γ€uΓert er unterschwellig Kritik an der kolonialen Perspektive und verdeutlicht durch die Spielarten der Transformationen, dass Geschichte sowohl aus Wirklichkeit, als auch aus Klischee und Fiktion konstruiert ist.
Der Faktor Zeit wird relativ mit dem Verweis auf vergangenes Leben und in Bezug auf die technischen Spezialeffekte der Jetztzeit. So stehen sich Evolutionsgeschichte und Schnelllebigkeit der Gegenwart gegenΓΌber. Tote und lebendige Materie treffen auch in der groΓformatigen Videoarbeit aufeinander. In Nahaufnahme kriecht der pulsierende, schleimige WeichkΓΆrper einer Schnecke, die ihr SchalengehΓ€use mit sich trΓ€gt, durchs Bild. In ihrer langsamen Fortbewegung stehen die hinterlassene Lebensspur und die RΓΌckzugstendenz fast symbolisch als Warnung vor einer beschleunigten Zukunft.
(von Anna Nowak)
βDie besten bleiben drauΓen, so einer wie du kehrt zuruΜckβ β βAber Mutter, ich habe mein Augenlicht verloren, ich kann nicht anders.β β βDas macht mir nichts, ich habe gewusst, dass ich die Ruhe nicht lange genieΓen werden duΜrfe. Mach dich an die Arbeit.β β Das BuΜro des Kunsthochschulprofessors ist eine alte DurchgangskuΜche, sein Institut sitzt in einem gut gealterten Arbeiterwohnkomplex. Das Bewusstsein findet sich an trockene LektuΜre gekettet. Γber den Weg von in seinem BuΜro verbliebenen Relikten aber uΜbt es sich in Alltagsphantasien. Der Professor hatte sich vor kurzem eine Fassbinder Collection auf DVD gekauft.
βOh, guten Tag Herr Kommissar. Ja, natuΜrlich, ich kann mir sehr gut vorstellen, warum Sie hier sind. Und es stimmt, sie ist hier, ich fuΜhre Sie gleich hin. Sie sollten wissen, Herr Kommissar, dass sie all die Vergehen vor uns immer suchte zu erklΓ€ren, als ein Schauspiel und eine ganz menschliche KomΓΆdie, die wir alle zu gut kennen und immer wieder vergessen, die wir eines Tages noch verstehen werden, dessen Opfer auch sie selbst war. Witzig fand ich das natuΜrlich nicht, Herr Kommissar. Ich habe das alles ja auch uΜberhaupt nicht verstanden. Und freilich, als wir dann erstmals von den Eskapaden gehΓΆrt und gelesen haben, hatten wir schon ein wenig Angst vor ihr. Aber was konnten wir machen. Sie hatte doch sonst niemanden. Und zu uns war sie sehr liebenswert. Ich frage mich immer, Herr Kommissar, wer wohl der Wahrheit ihrer Person nΓ€herstΓ€nde, Sie oder wir. Ich wuΜrde mir bei einer solchen Entscheidung wahrlich nichts rausnehmen wollen. Aber gut, wir sind da, schauen Sie, dort hinten sitzt sie schon, Herr Kommissar.β Der Kommissar schloss die Augen und holte tief Luft. Dann ging er durch die TuΜr. Es war die letzte Nacht vor Svenjas Hochzeit.
Es sind geisterhafte Gestalten, die der Projektor an die Wand wirft; sie wanken, stolpern, schieben sich trΓ€ge vorwΓ€rts, schleichen unbeholfen um einen Stuhl, werfen sich zu Boden. Fast verschmelzen sie mit den Dunkeln der Wand, verschwinden mal fΓΌr kurze Zeit, mal lΓ€nger, bis sie mit einem Donnergrollen wieder auftauchen. Ein dichter Soundteppich fΓΌllt den Raum, BΓ€sse drΓΆhnen, lassen WΓ€nde vibrieren. Immer wieder blitzt ein schleppender Beat auf, immer wieder schwillt die Musik an, um dann wieder leise abzuklingen. Dazu: Seltsame Masken, Verkleidungen, die in einem Nebenraum wie vergessen an der Wand hΓ€ngen.
"Auditionβ heiΓt die Installation, die Carlos Leon Zambrano da am Dancefloor und in der ehemaligen Garderobe des zum Ausstellungsort umfunktionierten Hamburger Golden Pudel Club zeigt, denn es sind Schauspieler und Schauspielerinnen, die in dem gefundenem Filmmaterial fΓΌr eine Rolle als Zombies in der Netflix-Serie "The Walking Dead" vorsprechen. So ziehen sie, nur zur Probe, ganz unmaskiert, da fΓΌr die Kamera wieder und wieder ΓΌber die BΓΌhne, ΓΌben ihre Bewegungen, perfektionieren ihren Gang in einer kollektiven Choreographie aus GenreversatzstΓΌcken, in der Hoffnung, als Untoter gecastet zu werden.
Wenn Zambrano das Material nun in der leeren Club-AtmosphΓ€re an die Wand projiziert und mit dΓΌsterem Sound unterlegt, und so das schleppende Hinken an der Wand augenzwinkernd zum kontrollierten Tanz erklΓ€rt, drΓ€ngen sich Parallelen zwischen den Filmszenen und den Menschen auf, die hier normalerweise die TanzflΓ€che fΓΌllen und deren Abwesenheit den Club zur unheimlichen Leerstelle macht: Die Verkleidungsβ und Rollenspiele im Schutz von Dunkelheit und Musik, die kollektive Verwandlung im Lauf einer Party zur homogenen Menge, die Transformation des KΓΆrpers nach stundenlangem Feiern und dem Konsum von Drogen und Alkohol. Der KΓΌnstler wird hier zum DJ, der mit seiner Soundcollage aus ihrerseits gesampelten Musik-Schnipseln aus Netflix-Serien seine stummen Protagonistinnen wie in einem endlosen Loop die Nacht durchleben lΓ€sst, bis sie wie nur kurz aufblitzende Erinnerungen am nΓ€chsten Morgen verschwinden. βGood Morning" heiΓt es irgendwann in der Soundcollage β der einzige gesprochene Satz der Arbeit. Guten Morgen. Wenn es hell wird, fallen die Masken ab.β Raphael Dillhof
βSie tun so als wΓ€re ihnen alles neu, als wΓ€re alles vergessen, als kΓΆnnten sie sich keiner GegenstΓ€nde bedienen, als sΓ€hen sie ihre Freunde, die vor ihnen lΓ€ngslaufen, das erste Mal. Sie haben alles aufβs Spiel gesetzt. Ein Spiel ist es, ja, klar, aber diese Biester haben eine rege Phantasie. Ist sie nicht bezaubernd diese wilde Poesie der StΓ€tte? β¦ Gut. Das hier, das wird ungefΓ€hr der Ort sein: das Hoheitsgebiet ihrer Erinnerungen, die ihnen nicht mehr gehΓΆren und, wie sie sagen, ihnen auch nicht mehr gehorchen. Das spielt sich hier jeden Sonntag ab. Wir haben also noch ein paar Tage Zeit. Der Auftrag muss bis dahin aber auf jeden Fall fertig werden, es fehlen noch einige Meter Zaun. Die Viecher zahlen schlieΓlich gutes Geld.β
Aus einer Fahrt von zwei Stationen mit der StraΓenbahn: βEs hΓ€lt sich das GerΓΌcht, dass in unserer Nachbarschaft frΓΌher oft ein Kind herumlief, das nur sehr leise mit einem geredet hat. Auf die Frage nach dem Grund dieser vermeintlichen Stille, gab es eine Antwort wie in etwa diese: βIch bin noch jung und klein β und so sind meine Gedanken. Irgendwann dann groΓ genug fΓΌr die weite Welt, werden sie sich selbst den Ausschlag in einer angemessenen LautstΓ€rke suchen. Das machen sie heute nicht anders.β Wir haben nie wieder etwas von dem Kind gehΓΆrt. Das hatten wir uns dann natΓΌrlich schon gedacht, ihr kennt ja das Elternhaus. Aber das behaltet ihr bitte fΓΌr euch. Wir sind uns nicht sicher, ob wir die Geschichte richtig verstanden haben.β Sie schrieb viel solches Zeug in ihr Notizbuch, um die vielen zufΓ€lligen Aufeinandertreffen, die vielen Fragmente von GesprΓ€chen festzuhalten, die wir tagtΓ€glich vernehmen und dann oft sofort wieder vergessen, heiΓt es.
βSeine Frechheit ist wirklich unuΜbertrefflich. Leider habe ich in solchen Situationen nur zu oft die Gewohnheit, plΓΆtzlich stillzustehen und mich ganz in mir zu verlieren. Ich beachte dann in Folge einer solchen Exaltation niemanden mehr, sehe und bemerke das Gerede wohl noch, kann aber nicht reagieren, solange ich mich nicht beruhigt habe. Es war vielleicht doch in Ordnung, mich hierhin zu bringen.β β Ob es ein Limbus oder der von erhebender Ruhe umfriedete Pol schΓΆpferischer Einsamkeit war, das Innehalten in einer fast plastischen Standfestigkeit, die zumindest den Pol seiner konzentrisch sich ausbreitenden Aura bildete, dieser wahrhaft verzauberte Bereich war dem hochmotivierten, aber kuΜrzlich erst eingestellten Praktikanten schlicht nicht einsehbar. Er entschloss sich den Zauberer von weitem andΓ€chtig daran zu erinnern, dass seine Show in wenigen Minuten beginne. Mit der Hand auf der Schulter des Praktikanten, die augenblicklich zur Schulter des Christophorus anschwoll, betrat der Zauberer noch rechtzeitig die BuΜhne. β βSchaffen Sie sich nun ein geeignetes Umfeld, dann kΓΆnnen sie gleich damit beginnen, sich von ihren bΓΆsen Geistern zu lΓΆsen β¦ Wer mΓΆchte als nΓ€chstes?β β Das Publikum reagierte nicht und β schwieg fuΜr die ganze LΓ€nge seines Auftrittes. Es wurde ihm heiΓ auf der BuΜhne. Das Publikum starrte ihn an, fixierte damit nicht nur den Zauberer auf seiner BuΜhne, sondern auch sich selbst in einem fuΜr ihn unerreichbaren Jenseits. Diese Reaktion blieb dem Zauberer folglich immer ein RΓ€tsel, er konnte sich zeitlebens nicht davon befreien. Nie wieder hat er ΓΆffentlich hypnotisiert. Es ist als wΓ€re er selber nicht mehr aufgewacht. Ein GluΜck sieht man ihn noch ab und zu bei Rewe.
| *1986 | Caracas, Venezuela |
| 2022 | Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius. |
| 2021 | Hamburger Zukunftsstipendien fΓΌr Bildende Kunst und Literatur. |
| 2020 | Stiftung Kunstfonds. |
| 2020 | Arbeitsstipendium Hamburg. |
| 2019 | Academy of Fine Arts Hamburg, MFA. |
| 2018 | DAAD Master Stipendium. |
| 2017 | Hiscox Nominierung. |
| 2017 | Spector Books Nominierung. |
| 2016 | Academy of Fine Arts Hamburg, BFA. |
| 2016 | DAAD Bachelor Stipendium. |
| 2015 | Freundeskreis der HFBK Stipendium. |
| 2013 | Deutschland Stipendium. |
| 2022 | Sammlung Falckenberg / Group Exhibition |
| 2021 | Special Effeggs, Kunsthaus Hamburg / Solo Show |
| 2021 | Nominees, Kunsthaus Hamburg / Group Exhibition |
| Text | Nils Fock |
| Design | Caspar Reuss |
| Code | Timo Rychert |